Das Mausoleum von Urghxx
 



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Das Mausoleum von Urghxx

WARNUNG

Bücher sind gefährlich. Wenn du dich im Dunkeln fürchtest, böse Träume dich plagen, deine Schnurrbarthaare bei Gefahr zu zittern beginnen und du Schluckauf bekommst, sobald  jemand gemein zu dir ist, dann ist dieses Buch nichts für dich.
Mache es wieder zu. Lies auf keinen Fall weiter. Ich werde über Dinge schreiben, die das Herz selbst der tapfersten Maus erzittern lassen.
Aber wenn deine Neugierde größer ist als deine Furcht (darauf hoffe ich sehr), dann begleite mich auf meinen gefährlichen Weg.

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Ich zeige dir ein Ungeheuer, schrecklicher als alles, was dir in deinen schlimmsten Albträumen begegnet ist. Sei bloß still! Lass keinen Laut hören, was auch geschieht.
Ein furchtbares Monster treibt sein Unwesen zwischen den Seiten dieses Buches. Allein der Blick seiner roten Augen lässt dich vor Angst erstarren. Wenn ER dann noch mit höhnischem Lachen seine fürchterlichen Reißzähne bleckt, wirst du bibbern wie Götterspeise mit Waldmeistergeschmack, ob du willst oder nicht.  
Ahnst du, von wem ich rede? Kennst du den Namen des Unholds?
Nein? Gleich wirst du es wissen. Ich spreche vom schwarzen Grafen Musta Ermin, dem Schrecken aller Mäuse, dem furchtbaren Vampir.
Mitleid und Erbarmen sind ihm fremd. Er will nur eines: Blut, dein Blut.
“Komm gib es mir“, wird er sagen. “Sei einer von uns. Werde unsterblich. Ich will dich glücklich machen. Sag einfach nur Ja!”
Als ob jemand Lust hätte, ein unsterbliches Nachtgespenst zu werden.
Ausgerechnet ich bekomme es mit diesem Kerl  zu tun. Mir bleibt wirklich nichts erspart. Zum Glück bin ich nicht allein. Meine Freunde sind bei mir und helfen mir, wo sie nur können. Ohne sie hätte ich das ganze niemals durchgestanden, das kannst du mir glauben.
Willst auch du mir zur Seite stehen? Dann lies weiter. Ich kann jede Unterstützung brauchen, die ich bekommen kann.


Die Insel am Ende der Welt

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 Bist du noch da? Dann pass gut auf. Die Geschichte, die ich erzählen will, beginnt im Spätsommer des Jahres 1893. Damals kannte ich weder das Wort Vampir noch das Wort Angst. Ich lebte mit meinem Großvater auf der Insel Urrghx, weit weg von überall. Rings um die Insel gab es nichts anderes als Wellen, Wogen und bewegtes Wasser. Die Insel war ein Paradies. In allem vollkommen, bis auf ihren Namen.
Urrghx! Das klingt grässlich. Gerade so, als drückte dir jemand die Kehle zu und du versuchtest verzweifelt, um Hilfe zu schreien. Warum hatte man unserer schönen Insel nur diese hässlichen Namen gegeben?
Meine Freundin Pieps entdeckte einmal in der Zeitschrift DIE ELEGANTE MAUS das Bild einer Melone. Du weißt schon, dieser runde, steife Herrenhut, nicht die Gartenfrucht.
“Schau, Jykie”, sagte sie. “Sieht der nicht haarscharf wie unsere Insel aus? Wir sollten sie umtaufen. Hutinsel oder Meloneneiland. Das lässt sich leichter aussprechen als Urrghx. Von dem Wort bekommt man direkt Halsweh.”
Ich schaute mir das Bild an. Die Ähnlichkeit zwischen dem Hut und Urrghx war nicht sehr groß. Beide waren kreisrund, mit flachem Rand und einer gewölbten Mitte. Das war alles. Unsere Insel ist grün, nicht schwarz und das flache Ufer ist viel breiter, als ein schmaler Hutrand. Das ist auch gut so. Wir Mäuse von Urrghx leben nämlich alle am Ufer. Zur Inselmitte geht niemand.
“Musst du immer alles so wörtlich nehmen“, lachte Pieps. "Wo bleibt deine Fantasie.” Sie spottete so lange über meine beschränkte Sicht der Dinge, bis ich es nicht mehr aushielt und mich auf sie stürzte. Was einem Selbstmordversuch gleich kommt. Na ja, jetzt übertreibe ich. Wir raufen nie im Ernst, sonst wäre ich längst platt und futsch.
Pieps ist groß und hat Kräfte für drei. Ich dagegen gehöre zu der kleinen, mickrigen Sorte.
“Manche Mäuse wachsen früher, manche später“, tröstet mich Großvater immer, wenn ich wieder einmal wutschnaubend aus der Schule komme, weil mich jemand Giftzwerg geschimpft hat, Kümmerling, Stechmücke oder Bazillus. Bazillus! Kannst du dir das vorstellen? So ein gelehrtes Wort! Und da sagt man immer, Bildung verbessert den Charakter.
Zum Glück kenne ich selbst einige Schimpfworte. Prügeln muss ich mich fast nie, denn wenn es wirklich einmal hart auf hart kommt, habe ich Pieps auf meiner Seite.
Sie ist meine aller-, aller-, allerbeste Freundin. Wir gehen in dieselbe Klasse. Wir spielen zusammen, erzählen uns alles, schlafen mal bei ihr, mal bei mir und machen die Schulaufgaben gemeinsam. "Wenn ihr zu zweit seid, dauert es doppelt so lange“, behauptet Frau Knubbelig, die Mutter von Pieps immer. Das meint sie nicht böse. Ihr geht immer alles zu langsam. Stets wartet sie mit einem Haufen Arbeit auf uns und hält uns auf Trab. Natürlich müsste ich Pieps nicht helfen. Aber zu zweit kann man selbst beim Abwaschen und Staubwischen Spaß haben. Außerdem mag ich die Mutter von Pieps.
Sie hat sieben Kinder und ist immer gut gelaunt, kocht phänomenal und hat das einzige Gasthaus auf der Insel, die ZIGEUNERMAUS.
Pieps Vater ist selten zu Hause. Er fährt zur See. Die meisten Männer und Frauen aus Urrghx arbeiten auswärts.
Frau Knubbelig hat ein weiches Herz. Ständig lädt sie mich zum Essen ein.
"Bei den vielen Mäulern, die ich stopfen muss, kommt es auf eins mehr auch nicht mehr an“, sagt sie dauernd. "Schau nur wie klein und dünn du bist. Wenn du nicht mehr isst, bläst dich der nächste Sturm aufs Meer hinaus.” Stets lädt sie mir eine doppelte Portion auf den Teller. Aber es nutzt nichts. Das gute Essen ist reinweg verschwendet. Ich bleibe klein und dünn. Daran kann auch Frau Knubbelig nichts ändern.

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Ich liebe die ZIGEUNERMAUS. Ich liebe das gute Essen. Ich liebe die gluckige Art von Pieps Mutter. Am meisten aber liebe ich den Krach. Das Haus ist voller Lachen und Geschrei. Es ist total wuselig.
Bei mir daheim ist es sehr still. Großvater und ich leben allein in unserem alten Haus, dem Stammsitz der von Knobelous. Für Großvater und mich ist es viel zu groß. Wir zwei können die hohen Säle nicht mit Leben füllen. Außer uns beiden wohnt niemanden hier. Wir sind die letzten unseres Geschlechts.
Meine Eltern kamen auf einer Seereise ums Leben. Das Schiff ist mit Mann und Maus untergegangen.
Ich war damals noch ein Baby und kann mich nicht mehr an sie erinnern. Das macht mich oft traurig.
Zum Glück habe ich Großvater. Er spürt immer, wenn es mir schlecht geht. Dann nimmt er mich auf den Schoß und erzählt mir eine Geschichte. Oder er hält mich ganz still in seinen Armen.
Ich habe ihn schrecklich lieb.
Alle auf Urrghx achten ihn. Jeder Mäuserich, der ihm begegnet zieht vor ihm seinen Hut und die Frauen machen einen Knicks, wenn sie ihn auf der Straße treffen. Der Bürgermeister von Käseglück, Willi Spitzig, fragt ihn regelmäßig nach seiner Meinung. Auch die Mäuse aus Speckswinkel, Maushafen und Strohhausen scheuen den weiten Weg nicht, wenn sie seinen Rat brauchen.
Das änderte sich alles, als Jonathan Aschig nach Urrghx kam.
Danach wollte niemand mehr auf Großvater hören. Sein Wort galt nichts und seine Warnungen verhalten ungehört.

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5.11.19 09:57


Das Mausoleum von Urghxx

Die Maus, die keinen Knoblauch aß

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Es fällt mir schwer, Jonathan Aschig zu beschreiben. Immer muss ich an das Unglück denken, das er über uns brachte. Trotzdem kann ich nichts Schlechtes über ihn sagen. Was er tat, geschah nicht in böser Absicht, sondern aus Neugier. Dafür hat er teuer bezahlt.
Jonathan war Londoner. Er kam mit dem Postschiff, das einmal im Monat bei uns anlegt, auf die Insel.
Lange bevor das Schiff ankommt, versammeln sich einige alte Männer und Frauen, deren Verwandte in der Fremde arbeiten, am Pier. Sie warten auf Neuigkeiten. Auch viele Kinder treiben sich an diesem Tag am Hafen herum. Alle beobachten das Anlegemanöver so gespannt, als sähen sie es zum ersten Mal. Sie schauen wie das Schiff vertäut wird, die Matrosen die Gangway ausfahren und die Waren, die für Käseglück bestimmt sind, von Bord gekarrt werden. Derweilen vertritt sich der Kapitän die Füße und plaudert ein wenig mit den alten Leuten. Sobald alles ausgeladen ist, legt des Schiff wieder ab und dampft gemütlich weiter nach Speckswinkel.
Diesmal war es freilich anders. Das Schiff brachte nicht nur Waren mit, sondern es hatte eine fremde Maus dabei. Verwundert beobachteten alle wie sie von Bord ging.
Das war einfach unglaublich. Einige Kinder bekamen vor Staunen den Mund nicht mehr zu.
Der Unbekannte fragte die erste Maus, die er auf dem Quai traf, nach einem Gasthaus. Der alte Mann, es war Peter Quieker, kam nicht dazu den Weg zu beschreiben. Er wurde von einem halben Dutzend Jungen unterbrochen. Sie boten sich dem Fremden als Führer und Kofferträger an.
Das alles weiß ich nur vom Hörensagen, denn ich war nicht am Hafen, sondern half Pieps beim Wäsche aufhängen. Wir waren hinten im Hof, als wir Geschrei hörten. Es wurde lauter und lauter. Da ließen wir Wäsche Wäsche sein und rannten vor das Haus. Eine Schar johlender Kinder, mit Koffern, Taschen und Hutschachteln beladen, kam auf uns zu. Wir nahmen sie gar nicht richtig wahr. Ungläubig starrten wir die Gestalt an, hinter der alle herliefen.
Was für ein Anblick!

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Da kam ein Herr, so fein als wäre er den Seiten der ELEGANTEN MAUS entstiegen. Er trug einen Kutschermantel mit dreifacher Pelerine, einen grauen Zylinder und einen Spazierstock. Seine Stiefel glänzten in der Sonne, als hätte er sie mit Speck eingerieben.
Vor der ZIGEUNERMAUS blieb die Erscheinung stehen und sagte: “Ich danke euch für eure Hilfe. Ihr könnt mein Gepäck jetzt abstellen.”  
Dann geschah etwas Unglaubliches. Der elegante Herr fischte eine Handvoll Kupfermünzen aus seiner Manteltasche und verteilte sie an seine Begleiter.
“Danke für eure Hilfe“, sagte er. Jedes Kind bekam eine Münze, ob es nun einen Koffer getragen hatte oder bloß mit leeren Pfoten hinter ihm her gelaufen war. Selbst Pieps und ich wurden beschenkt.
"Aber ich habe das nicht verdient“, stammelte ich.
Das war dem Fremden egal: "Ich mag es nicht, wenn ein Kind leer ausgeht und traurig ist. Ich bin sicher, du hast Verwendung für das Geld.”
Wegen dieser Worte mochte ich ihn gleich gut leiden.
Die Ankunft von Jonathan, wie er bald von alle genannt wurde, veränderte vieles auf unserer Insel. Das fing gleich mit Frau Knubbelig an. Der elegante Reisende betrat die Wirtsstube und verlangte ein großes Zimmer mit Bad und Vorraum. Pieps Mutter wischte sich verlegen die Pfoten an ihrer Schürze ab. “Damit kann ich nicht dienen, mein Herr“, sagte sie.
"Das ist schade. Dann geben sie mir ein einfaches Zimmer.”
“Damit kann ich auch nicht dienen.” Frau Knubbelig sah ganz unglücklich drein.
Der elegante Herr war verärgert. “Irgendein Fremdenzimmer werden Sie doch haben. Ist das hier ein Gasthaus oder nicht?”
Er wusste ja nichts von den sieben Kindern, die alle Zimmer des Hauses mit Beschlag belegt hatten. Wozu hätten sie auch leer stehen sollen? Bei uns auf Urrghx geht niemand in die ZIGEUNERMAUS um dort zu übernachten. Wir schlafen lieber in unseren eigenen Betten.
Pieps zupfte ihre Mutter am Rock. “Er kann mein Zimmer haben. Ich ziehe solange zu Jykie.”
Das war die Lösung. Alle Kinder, selbst die ganz kleinen, halfen, Pieps Sachen aus dem Zimmer zu räumen, während ihre Mutter das Bett frisch bezog.
Jonathan schaute unglücklich drein. Dabei musste er dankbar sein, dass er überhaupt ein Zimmer bekam. Die ZIGEUNERMAUS ist nun mal das einzige Gasthaus auf der Insel.
Schlagartig wurde sie zum beliebten Treffpunkt aller Insulaner. Der feine Jonathan hatte das Haus, ganz wie ein richtiger Prinz, aus seinem Dornröschenschlaf erweckt.
Noch am selben Abend kam jede erwachsene Maus, die irgend konnte, auf ein Glas Knoblauchsaft vorbei. Sogar aus Speckswinkel, Maushafen und Strohhausen kamen sie angesegelt.
Sie kamen einzig und allein, um Jonathan zu sehen. Dem gefiel es, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Gut gelaunt beantwortete er unzählige neugierige Fragen.  
Er reise zu seinem Vergnügen, berichtete er. Aus Wissbegier. Um fremde Länder und Mäuse zu sehen und andere Sitten und Gebräuche kennen zu lernen.
Während er redete, trank er seinen ersten Schluck Knoblauchsaft. Die Augen quollen ihm aus dem Kopf. Sein Gesicht verfärbte sich blau und Tränen traten in seine Augen.
Die einheimischen Gäste schüttelten sich vor Lachen.

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“An unseren Knoblauchsaft muss man sich erst gewöhnen“, sagte eine ältere Maus und klopfte Jonathan freundlich auf den Rücken. "Der gehört zu unseren Sitten und Gebräuchen! Knoblauch und Urrghx gehören zusammen wie das Salz und das Meer.”
Leider entwickelte Jonathan eine starke Abneigung gegen Knoblauch. Er mochte keine Knoblauchsuppe, keine Knoblauchwurst, keinen Knoblauchauflauf und auch keine Knoblauchtorte. Frau Knubbelig musste völlig neue Speisen kochen. Die Rezepte fand sie in der ELEGANTEN MAUS.
Diese wunderbare Zeitung berichtet nicht nur von der neuesten Mode, sondern druckt auch Kochrezepte ab.
Durch Jonathan hielt die internationale Küche Einzug auf Urrghx. Durch ihn kam auch ein neues Wort in Umlauf. Fremdenverkehr hieß es.
“Fremdenverkehr bringt Geld auf die Insel“, sagte Willi Spitzig.
Da war was dran. Jonathan hatte Geld im Überfluss. Er bezahlte für alles und jedes. Häufig mietete er sich ein Boot mit Besatzung und ließ sich um die Insel fahren.
Dauernd kaufte er ein. Holzschuhe, Körbe, Schnitzereien, Häkeldeckchen, alles Dinge, die wir auf der Insel für uns selbst herstellten..
Er bezahlte sogar fürs Reden. Ständig befragte er die Leute nach ihrem Leben, ihren Vorfahren, der Geschichte der Insel und was weiß ich noch alles. Was er hörte, schrieb er sofort auf.

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Großvater gefiel das nicht. "Dabei kommt nichts Gutes heraus“, sagte er so oft, bis es niemand mehr hören konnte. "So viel Neugier ist schädlich. Ihr werdet es noch sehen. Wo gibt’s den so was? Zum Vergnügen reisen! Die Maus muss verrückt sein. Das wird böse enden.”
Schließlich fingen die Leute an, ihn zu meiden. Sein ständiges Nörgeln ging allen auf die Nerven.
Ich sah ihn auch nicht so oft wie sonst. Tagsüber war ich bei Pieps in der ZIGEUNERMAUS. Meist kamen wir erst spät am Abend nach Hause. Dann quatschten Pieps und ich noch stundenlang in meinem Zimmer.
Der arme Großvater! Er muss damals recht einsam gewesen sein. Ganz allein mit seinen Sorgen, die niemanden interessierten. Nach drei Wochen aber verschwand Jonathan Aschig plötzlich auf unerklärliche Art und Weise.

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5.11.19 09:58


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